Geschmacklosigkeit keinnt keine Grenzen

  • Wie ja einige hier wissen, habe ich die Lizenz zum Studentenquälen erhalten unterrichte ich mittlerweile Seminare in der Anglistik. Diese Woche haben ich in Vorbereitung auf mein Literaturseminar nach bekannten Fotos gesucht, die in unser kollektives Gedächtnis eingegangen sind und mit denen wir starke Emotionen und Bedeutungen verknüpfen. Die bloße Betrachtung dieser Bilder löst einen Schwall an Gedanken im Betrachter aus und an sich 08/15-Orte haben auf einmal eine Bedeutung. Ich könnte jetzt hier wahllos das Bild eines x-beliebigen Tunnels von irgendwo auf der Welt posten, die meisten würden wohl bei der Frage, "An was denkst du?" antworten, "An den Tod von Diana."


    Wenn ich nur "Flugzeug" und "World Trade Center" sage, denkt jeder sofort an 9/11, obwohl diese zwei Wörter an sich überhaupt keine Verbindung haben. Statt New York könnte ich nämlich an das Dresdener WTC gedacht haben, als ich den Zug nach Berlin nahm um mein Flugzeut nach Mailand zu erwischen.


    Und beim Thema JFK werden sich wohl die meisten an dieses unscharfe Bild erinnern, das Jackie Kennedy im rosa Kleid auf dem Kofferraum des Autos zeigt, als sie versucht dem Auto zu entkommen als ihr Mann von den Kugeln getroffen wurde. Und nebenbei werden sich wohl diejenigen unter uns daran erinnern, wo sie waren, als Jack Kennedy starb. Ich nicht, ich war zu dem Zeitpunkt noch Quark und mein erstes kollektives Ereignis war der Fall der Mauer.


    Anywho... jedenfalls habe ich nach Fotos gesucht um meinen Studies die Idee des kollektiven Gedächtnisses einfacher verständlich zu machen und habe Bilder vom Kennedy-Attentat gesucht -- und gefunden. Nur was ich da fand, war zum Teil auch weit unter der Gürtellinie.


    Es ist eines, Geschichte aufzuzeichnen noch während sie passiert. Und das letzte, was die Zeitzeugen in Dallas vorhatten, war ein Snuff-Video oder -Fotos zu machen. Diese Aufzeichnungen sind neutrale Zeugnisse eines bedeutsamen Momentes. (Mal ganz davon abgesehen, dass dieser Moment nur deshalb bedeutsam ist, weil wir ihn damit versehen haben. Wenn ein Berbauer in Afghanistan erschossen wird, dann zucken wir nur mit den Schultern.) Jedenfalls waren unter diesen Bildern auch die Fotos der Obduktion Kennedys -- und das drehte mir einfach den Magen um. Nicht etwa, weil ich vielleicht zart besaitet wäre und kein Blut sehen könnte. Das macht mir nichts aus. Nein, was mich so bewegte war dieser wahrscheinlich vollkommen unbeabsichtigte Akt der Leichenschändung.


    Als die nackten Leichen der gefallenen amerikanischen Soldaten durch die Straßen in Somalia geschleift wurden, wurde eine "alte Tradition" neu belebt, denn die Cäsaren Roms taten mit ihren Gegnern nach beendeter Schlacht das nichts anderes. Um sie vollkommen vor dem römischen Volk zu erniedrigen und sie jeglicher Würde zu rauben, stießen sie stolze Häuptlinge wie Vercingetorix in den Staub der Schande und Erniedrigung. Genau dasselbe bedeuten diese Bilder von Jack Kennedy. Nur ist es viel schlimmer. Denn statt den Feind zu erniedrigen, wird hier der einstige Präsident seiner letzten Würde beraubt, indem man ihn dermaßen präsentiert: ein Mordopfer, nackt, körperlich versehrt und mit leerem Blick.