11. Türchen

  • Father Mulcahy hatte einen langen Tag hinter sich, er war den ganzen Tag über beim zerstörten Waisenhaus und half beim Wiederaufbau mit. Am Tag zuvor hatte er sich mit verschiedenen Organisationen und befreundeten Priestern in Verbindung gesetzt. Das rote Kreuz konnte nichts machen, denn gerade die Tage um Weihnachten herum hatten sich soviel mit der Evakuierung von Verwundeten zu tun, damit diese noch vor der Jahreswende bei ihren Familien in den Staaten waren. Der Priester bei den Pionieren sagte seine Hilfe sofort zu und konnte Material und Männer mobilisieren, die den Kindern zu Weihnachten helfen wollten. So war Mulcahy schon am frühen Morgen vom Camp weggefahren und baute tatkräftig mit, auch wenn am Abend eine Weihnachtsmesse im 4077th auf dem Plan stand. Die Messe hatte der Father improvisiert und sprach die aktuellen Geschehnisse an. Er bedankte sich für die große Güte der Helfer und den Mitgliedern des Camps. Die Pioniere wollten keinen Lohn für ihre Arbeit und die Belegschaft des 4077th waren alle zusammen gerückt und teilten ihre Zelte mit den Waisenkindern. Aber besonders nette Worte fand der Father für Corporal Klinger und Major Houlihan, die für schöne Feiertage für die Waisenkinder alles in Bewegung gesetzt hatten. Sie waren schon vor Wochen damit beschäftigt gewesen und hatten an die Eltern des Personals, wie auch an ihre Familien und Freunde geschrieben, mit der Bitte um Spenden für die Weihnachtsfeier des Waisenhauses. Klinger hatte stundenlang an der Nähmaschine gesessen und hatte Kostüme für den Weihnachtsmann und seine Elfen genäht. Dieses Jahr sollte Charles Emerson Winchester den Part des Santa Claus übernehmen, doch daran zweifelte noch das ganze Camp. Aber auch einen Christbaum hatten die beiden vor wenigen Tagen in der Nähe entdeckt, den sie gleich hinter dem Messezelt versteckt hielten.


    Nach der Messe saß der Father in seinem Zelt und kam nach langer Zeit endlich dazu seiner Schwester einen Brief zu schreiben.


    „Liebe Maria Angelica,


    tut mir leid, dass du erst jetzt wieder von mir liest. Ich hoffe, du hast dir noch keine Sorgen um mich gemacht, aber wie du nun siehst, bin ich noch am Leben. Die letzten Wochen war ich sehr eingespannt, wir hatten viele Verwundete und die Predigten sind mir sehr schwer gefallen.


    Doch nun ist hier in Korea Heiliger Abend und draußen ist es bitterkalt. Meine Schützlinge sind zwar nicht alle sehr gläubig und viele sind nicht einmal katholisch, aber dennoch war unser Messezelt bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich merke in den letzten Tagen sehr stark, dass viele den Weg zu Gott finden, je näher Weihnachten rückt. Es freut mich besonders zu sehen, dass sogar Captain Pierce auf mich zukommt und mit mir über seine Gedanken, Ängste und Wünsche spricht. Ihm fällt es unheimlich schwer sich zu öffnen, gerade im Dezember zieht er sich eigentlich zurück und ist ruhiger als sonst, aber irgendwas muss ihn letzte Woche sehr bewegt haben, dass er abends an meine Zelttür geklopft hatte. Ich bekam zwar nicht wirklich raus, was ihn dazu gebracht hatte, aber ich denke, er macht sich Sorgen um seinen Vater, der schon das zweite Jahr ganz alleine Weihnachten feiern muss. Pierces Mutter ist schon früh verstorben und derzeit ist auch er weit weg von zu Hause.


    Obwohl wir doch etwas von der Front entfernt sind, gerade Waffenruhe herrscht, sind wir hier keineswegs in Sicherheit. In unmittelbarer Nähe des Camps haben wir ein Mienenfeld, durch die Kälte explodieren einige von Zeit zu Zeit. Man weiß nie, wann wieder eine durch den gefrorenen Boden ausgelöst wird, daher meiden wir das Gebiet so gut es geht. Wobei es die Tage sicherlich nicht ganz einfach werden können, denn wir haben die Waisenkinder zu einer großen Weihnachtsfeier zu Besuch und ich habe Angst, dass sie direkt ins Mienenfeld laufen.
    Ich kann nachts ganz schlecht schlafen, weil ich nicht weiß, ob ich am nächsten Tag wieder aufwache oder in der Nacht eine der Mienen eine Kettenreaktion auslöst und dadurch das Camp in Mitleidenschaft gezogen wird. Wo es dann viele Tote geben könnte. Daran möchte ich eigentlich gar nicht denken, obwohl ich glaube, dass Gott ein Auge auf uns hat, aber wenn es passieren sollte, uns mit offenen Armen empfangen wird. Denn kein Mensch, der hier gedient hat, wird in die Hölle kommen müssen, denn die haben wir schon alle hinter uns.
    Manchmal habe ich aber dennoch das Gefühl, dass meine Mission gescheitert ist, denn ich kann nicht allen den Glauben an Gott so vermitteln, wie ich es möchte. Ich zweifele viel an mir selbst, aber dann passiert etwas Unvorhersehbares und dann werde ich überall gebraucht. Über diese Entwicklungen freue ich mich dann auch, weil ich dann mein Dasein im Camp nachvollziehen kann. Erst gestern wurde mir wieder bewusst, dass ich noch viel tun kann für die Menschen hier im Camp und auch in Korea.


    Morgen werden wir die Geburt Jesus gemeinsam mit den Waisenkindern feiern. Von Max Klinger und Margaret Houlihan habe ich ein Programm bekommen, was sie alles geplant haben und ich bin schon sehr auf die Umsetzung gespannt. Mir wurde von den beiden eine ganze Menge Arbeit angenommen und ich bin sehr glücklich darüber, denn einige Verwundete wollte noch mit mir sprechen. Zwar ist keiner von ihnen katholisch, aber im Dienste der Kirche übernehme ich auch gerne die Pflichten eines evangelischen Pfarrers. Hier draußen an der Front bin ich eigentlich für alle Glaubensrichtungen zuständig und fühle mich allen auch verpflichtet, auch wenn ich mir selber manchmal Hilfe von einem Freund holen muss. Ich will die Arbeit so gut wie möglich machen und keinem auf den Schlips treten, indem ich einen Fehler begehe. Viele haben erst nach ihrer Evakuierung, die manchmal Wochen dauern kann, die Chance mit einem Vertreter ihres Glaubens sprechen zu können und sind daher erleichtert, wenn ich mich in ihrer Religion etwas auskenne.


    Ich hoffe sehr, dir geht es gut und euer Team ist weiter siegreich.


    Der Brief wird wohl erst sehr spät bei dir eintreffen, leider bin ich nicht früher zum Schreiben gekommen, aber dennoch wünsche ich dir besinnliche Feiertage und einen guten Jahreswechsel.


    Liebe Grüße


    Dein Bruder
    John Francis



    Father Mulcahy lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte in die Flamme der Kerze, die auf dem Schreibtisch stand. Er machte sich Gedanken über die Zukunft der Waisenkinder, ob sie jemals wieder unbeschwert lachen und spielen konnten oder sich vielleicht doch noch ein Familienmitglied finden ließe. Er wollte seiner Schwester nicht von den Problemen schreiben, die ihn gerade beschäftigt, sonst würde sie kaum noch eine ruhige Minute haben.


    Der Heilige legte den Stift zur Seite und verließ sein Zelt, um in der kalten Nachtluft etwas abzuschalten. Als er am Sumpf vorbeikam, konnte er hören, wie BJ etwas erzählte.

  • Danke für die schöne Geschichte :)

    You have to leave the city of your comfort and go into the wilderness of your intuition. What you’ll discover will be wonderful. What you’ll discover is yourself. (Alan Alda )

  • bin jetzt, da ich endlich wieder auf meinem eigenen Sofa zu Hause sitze, auch mal dazu gekommen, hier zu lesen!


    Eine Schön, nachdenkliche Geschichte und könnte genau so passiert sein!
    Ich hoffe auf eine Fortsetzung damit, was BJ erzählt! :D

    "Katzen kann man nicht besitzen. Sie treffen die Wahl."

    P.C. Cast und Kristin Cast "House of Night - Gezeichnet"

  • Habe "mein 11. Türchen" heute erst geöffnet. Musste ja am WE arbeiten. :(
    Eine schöne, besinnliche Geschichte.

  • Ich bin auch erst jetzt zum Lesen gekommen.
    Der arme Father, der macht sich schon wieder so viele Gedanken.... Aber schön, dass er doch immer noch die Kurve kriegt und positiv denken kann.