5tes Türchen

  • Es ist Anfang Dezember und ganz Korea ist mit einer dicken Schicht Schnee bedeckt. Ein Schneesturm hatte in den letzten Tagen dafür gesorgt, dass die Kämpfe an der Front so gut wie eingestellt wurden. Die Artillerie konnte den Feind nicht mehr orten, da die Aufklärungsflugzeuge nicht starten konnten und dadurch waren nur noch Bodentruppen unterwegs.


    Auf Grund dieser glücklichen Fügung in einem unglücklichen Krieg hatte auch das medizinische Personal im MASH weniger zu tun, was alle sehr begrüßten. Man widmete sich den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest, Father Mulcahy wollte es so heimisch wie möglich machen und so sollte das Messezelt für die Feiertage umgestaltet werden. Ein großer Baum sollte in die Mitte neben dem Ofen gestellt und etwas Grün sollte auf den Tischen arrangiert werden.


    Am Abend vor Nikolaus wurde ein verwundeter italienischer Soldat mit dem Krankenwagen gebracht und wurde von Captain Pierce behandelt. Der Soldat hatte sich nicht so schwer verletzt, die Röntgenaufnahmen zeigten dem Arzt, dass er sich nur sein linkes Knie unterhalb des Schienbeins gebrochen hatte. Während der Captain das Bein richtete und gipste, fragte er seinen Patienten. „Lieutenant Baschetti, können Sie mir sagen, wie Sie sich verletzt haben? In Ihrem Gebiet gab es laut Berichten keine Gefechte oder Feindsichtigungen.“


    Der Lieutenant wusste im ersten Moment nicht was er sagen sollte, doch dann sah er den Captain vor ihm an. „Ich war mit meiner Truppe auf dem Weg in ein Dorf nicht weit von hier. Wir haben in den letzten Wochen viele Kleinigkeiten zusammen gesammelt und wollten heute in der Nacht den Kindern im Dorf eine Freude machen. So ganz im Sinne des San Nicola, der in Italien in der Nacht zum 6. Dezember kommt.“


    Mario Baschetti schaute auf den fast vollendeten Gips und erzählt beschämt, wie es zur Verletzung gekommen ist. „Ich lief unserem verkleideten Captain hinter dem bepackten Maulesel hinterher und achtete nicht auf die Bodenbeschaffung. Ich fiel irgendwann mit einem Kameraden zurück, während wir in ein Gespräch vertieft waren, muss ich wohl in ein tiefes Loch im Erdreich getreten sein und so unglücklich das Knie verdreht haben, dass ich mir was gebrochen habe. Auf Grund meiner Nachlässigkeit mussten wir unsere Reise unterbrechen und ich hoffe, dass meine Einheit noch rechtzeitig das Dorf erreicht, bevor es zu spät wird.“


    Hawkeye konnte erkennen, dass es dem jungen Lieutenant nahe ging, dass er nicht auch als Helfer des Nikolaus dabei war. Er würde mindestens bis morgen im MASH bleiben müssen, da erst nach Anbruch des Tages ein Krankenwagen kommen würde, um die stabilen Verwundeten der letzten Tage ins 121th zu bringen. Daher machte Hawk ihm ein Angebot, was eigentlich gegen die Vorschriften war. „Wissen Sie was, Mario? Wenn ich mit Ihnen hier fertig bin, gehen wir gemeinsam rüber ins Messezelt und nehmen das unverdauliche Dinner gemeinsam ein. Dann können Sie meinen Kollegen und mir etwas über das Weihnachtsfest in Italien erzählen, vor allem Father Mulcahy wird begeistert sein.“


    Im ersten Moment fühlte es sich für Mario nicht richtig an, als Patient mit der Belegschaft des 4077th zu Abend zu essen. Doch nach der allgemeinen Vorstellung und der Geschichte, welche ihn dorthin verschlagen hatte, entspannte er sich und fühlte sich willkommen. Er saß auf der Bank zusammen mit Father Mulcahy und Colonel Potter.


    „Lieutenant, darf ich fragen, aus welcher Ecke Sie von Italien kommen?“


    „Si, Colonel. Ich bin gebürtiger Mailänder, aber lebe mit meiner Familie seit Ende des Krieges in Trient. Ich denke den Mai 1945 werde ich nicht so schnell vergessen, am Tag als die Kapitulation der republikanisch-italienischen Streitkräfte in Kraft getreten ist.“


    Father Mulcahy, der neben dem jungen Soldaten saß, beugte sich interessiert zu ihm rüber und fragte nach, was denn passiert sei nach der Kapitulation.


    „Father, entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber im wahrsten Sinne des Wortes brach die Hölle los, am Tag der Bekanntgabe gab es einen schweren alliierten Bombenangriff, der viele Leben gekostet hatte. Besonders das meines kleinen Bruders. An dem Tag wurde mir klar, dass ich niemals zur Waffe greifen und lieber den Menschen helfen wollte.“


    Hawkeye sprach seinen Gedanken dazu aus. „Wenn Sie nicht zur Waffe greifen wollten, was machen Sie dann so weit weg von Italien hier in Korea?“


    „Das ist eigentlich ganz einfach zu beantworten, ich gehöre einer medizinischen Einheit an, die sich um die Bedürfnisse der Einheimischen kümmert. Wir werden zwar von den großen Mächten nicht wirklich ernst genommen, weil wir noch eine kleine Delegation aus Italien sind, aber dennoch denke ich, haben wir eine bedeutsame Aufgabe.“


    Das konnte der Colonel nur bestätigen. „In diesem beschissen Krieg, entschuldigen Sie, Father.“ Mulcahy nickte nur gütig über das nicht ganz richtig gewählte Wort und der Colonel fuhr fort. „ist jede Hilfe mehr als willkommen, auch es sich nur um eine kleine Gruppe handelt. Ich bin mir sicher, dass sie eine gute Arbeit leisten mit ihren Kameraden zusammen.“


    „Colonel, vielen Dank. Ich denke auch, dass wir eine gute Arbeit leisten. Die großen Institutionen sind hier, um die Verletzten und Verwundeten von der Front zu versorgen und zu schauen, ob man hier was Großes auf die Beine stellen kann. Das rote Kreuz und die anderen Organisationen sind nur auf ihren Ruf aus, aber wenn es um kleine Dinge und Hilfen geht, dann stellen sie sich auf stur.“


    BJ als Familienvater in den Staaten konnte selber auch kein gutes Haar an den großen in dieser Branche lassen, weil er mit Hawk zusammen am eigenen Leib gespürt hatte, wie sich die „Helfer“ quer stellen. Was hatten die beiden nicht alles versucht, um ein kleines koreanisch-amerikanisches Baby in die Staaten zu bekommen. Selbst Colonel Potter war hinterher stink sauer und konnte es einfach nicht glauben, dass man diesem kleinen Würmchen, was für seine Abstammung nicht konnte, nicht helfen wollte.


    Da Father Mulchay die Stimmungsverlagerung ins depressive spürte, versuchte er so gut wie möglich das Thema zu wechseln. „Mario, Sie kommen ja aus Italien und jetzt sind wir mitten in der Weihnachtszeit. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie mir ein bisschen von den Weihnachtsfeierlichkeiten in Italien erzählen? Ich bin immer neugierig darauf, wie in anderen Ländern die Geburt Jesu gefeiert wird.“


    Alle Anwesenden blickten gebannt auf den ruhigen jungen Italiener, dieser bekam einen verträumten Blick und machte erst einmal die Anstalten aufzustehen. „Bevor ich anfangen kann, würde ich mir gerne einen Kaffee holen.“


    Noch ehe der Verletzte in Richtung Kaffee humpeln konnte, stand BJ schon neben den Tisch und fragte in die Runde, wer denn noch einen gebrauchen könnte. Natürlich waren alle abhängig vom Koffein und so half Hawkeye seinen besten Freund die Kaffeetassen zu füllen.


    Als die beiden wieder sich setzten, bedankte sich Mario bei Ihnen und Hawkeye meinte nur: „Sie müssen sich schonen, die Bruch ist zwar sauber, aber wir wollen ja nicht riskieren. Hier in der Einöde kann es Probleme geben.“


    Mario Baschetti konnte sich keine Komplikationen leisten, denn diese Verletzung hieß für ihn, dass er ein Heimatticket gewonnen hatte, ohne dass er es eigentlich so schnell wollte. Sein Einsatz mit der medizinischen Truppe sollte eigentlich bis ins neue Jahr gehen, doch er würde in wenigen Tagen schon aus dem 121.th entlassen werden und würde somit Weihnachten im Kreise seiner Lieben feiern können. Doch bevor es so weit war, begann er erst einmal den Wunsch von Father Mulcahy zu erfüllen.


    „Father, ich brauche wohl nicht von Beginn der Geschichte erzählen, wie es in Italien dazu kam, dass wir die Geburt Jesus feiern.“


    Mulcahy musste lachen und rieb sich ein Auge unter dem Brillenglas. „Keine Sorge mein Sohn, das weiß ich genau. Aber ich danke Ihnen, dass fragen.“


    Mit einem Grinsen im Gesicht berichtete der junge Mann von den Weihnachtsfeieraktivitäten in seinem Heimatland. „Die weihnachten Festtage fangen bei uns am 6. Dezember an, wenn San Nicola kommt, in der Nacht zum 6. Dezember bekommen die Kinder kleine Aufmerksamkeiten in ihren Gabenteller oder in ihre schönen geputzten Stiefel, die vor der Tür stehen.
    Genau eine Woche später besucht die Santa Lucia die Armen und diese werden beschenkt. Durch den vergangenen Krieg bekommen auch die Kinder heutzutage Geschenke an diesem Tage. In meiner Gemeinde werden die Armen zu einer Mahlzeit eingeladen, es werden Kichererbsen in Zucker gekocht. Dadurch entsteht eine feste Masse, die in Italien dann „Torrone die poveri“ genannt wird.“


    Klinger, der sich während des Erzählens mit zur Gruppe gesetzt hatte, meinte in seiner typischen euphorischen Stimmung. „Colonel, dass können wir hier doch sicherlich auch machen, Kichererbsen haben wir in großen Mengen und wir können die Menschen aus den umliegenden Dörfer einladen.“


    Colonel Potter musste seinen eifrigen Kompanieschreiber bremsen. „Klinger, das ist zwar eine großartige Idee, aber wir müssen erst einmal abwarten, was die Wetterlage uns in den nächsten Tagen beschert. Wenn wir einschneien, dann kommen auch unsere Vorräte nicht vielleicht brauchen wir dann selber die Unmengen an Kichererbsen, um über die Runden zu kommen.“


    Max Klinger plante im Kopf schon die Feier und nickte nur kurz, dass er es verstanden hatte. Mario musste grinsen, mischte sich aber nicht ein und sprach lieber weiter über das Weihnachtsfest in seiner Heimat. „Der Höhepunkt für Groß und Klein ist der 25. Dezember, denn hier gibt es für alle Geschenke und es wird ausgiebig gefeiert. Die Kinder finden ihre liebvoll geschnürten Päckchen entweder vor der Schlafzimmertür oder unter dem großen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Wie in Amerika findet bei uns die Bescherung früh am Morgen statt. Meine Eltern haben immer drauf bestanden, dass wir erst frühstückten und dann ging es ans Auspacken. Das war immer eine ganze schöne Qual, aber heute weiß ich, dass das Warten die Vorfreude nur gesteigert hatte.“


    „Das ist etwas sehr schönes, die Freude auf de bevorstehende. Kinder können es noch nicht verstehen, aber so bald sie älter werden, lernen sie mit der Vorfreude sich zu arrangieren und zu genießen. Die Zeit vergeht durchs Warten in manchen Situationen schneller, in anderen Gelegenheiten schleicht die Zeit dann. Selbst mir als Priester fällt es manchmal sehr schwer zu warten, doch es hat mir bisher nicht geschadet und ich denke den Kindern tut es das auch nicht.“


    „Father, Sie haben Recht. Aber ich bin der Meinung, dass zu Weihnachten bei uns kein Kind zu lange warten muss. Sie bekommen so viele Geschenke und an so vielen unterschiedlichen Tagen, da können vielen Kinder auf der Welt nur von träumen. Denn nach den Feiertagen im Dezember enden Weihnachsfeierlichkeiten mit dem 06. Januar, wenn die Hexe La Befana zu den Kindern kommt. Sie kehrt in jedes Haus durch den Schornstein ein und lässt den artigen Kindern Geschenke in den Schuhen oder Strümpfen da, die bösen Kinder erhalten Kohlestücken. Sie haben das ganze Jahr dann Zeit sich zu bessern, um dann am nächsten 6. Januar ein Geschenk zu finden.
    Ich persönlich hatte immer Angst vor der Hexe, die Nacht konnte ich nie schlafen. Die Frage, ob ich was Tolles bekommen würde, hing immer in meinem Kinderzimmer.“


    Hawkeye, der von dieser Tradition noch nichts gehört hatte, wollte genau wissen, ob Mario auch mal Kohlestücke vorgefunden hatte. Er selber hätte sicherlich das ein oder andere Jahr Kohle bekommen. Captain Pierce war schon ein Kind ein Spaßvogel gewesen und er hatte anderen Streiche gerne gespielt.


    „Captain Pierce, Sie werden es nicht glauben, aber ja, ich habe in ganzen Jahren, die ich an die Hexe geglaubt habe, einmal ein großes Stück Kohle aus meinem Stiefel gezogen. Ich hatte meinen Bruder das gesamte Jahr über nur gestänkert, weil er geboren worden ist und ich nicht mehr der kleine war.“


    Colonel Potter dachte bei sich, da hat man die Geschwisterrivalität wieder, auch ihm war das nicht unbekannt. Doch man sollte sich glücklich schätzen, dass man Geschwister hat, sie können einem in vielen Sachen hilfreich sein.


    BJ war die ganze Zeit ziemlich ruhig gewesen und musste daran denken, ob Erin wohl irgendwann ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommen würde. Er hatte sich immer vorgestellt mit seiner Frau Peg ein Haus voller Kinder zu haben. Doch wo er jetzt so weit weg von zu Hause war, rückte dieser Gedanke in den Hintergrund und er wünschte eigentlich nichts sehnlicher als die Feiertage in den Armen seiner Frau zu verbringen.


    Klinger löste die gedankenverloren Männer vor sich mit einem Toast aus ihrer Trance. „Wir sollten auf alle Kinder, Geschwister und Eltern trinken, mögen sie alle ein gesegnetes Weihnachtsfest haben.“


    Die Männer stießen mit ihren Kaffeebechern und erzählten Geschichten aus ihrer Kindheit, so dass es noch ein langer Abend wurde.

  • Weihnachten in Italien.
    Sehr interessant. Ich wusste nicht, dass sie dort auch den Lucia Tag feiern.
    Eine schoene und interessante Geschichte. Danke!!


    Am besten fand ich den Satz hier:

    Quote

    Auf Grund dieser glücklichen Fügung in einem unglücklichen Krieg

  • eine schöne, rührende Geschichte, danke hawkgirl.


    Bei einer Sache habe ich doch grinsen müssen und überlegt, ob das nicht was für Birgit wäre:


    Quote

    Original von hawkgirl
    ...Am Abend vor Nikolauf...


    Birgit no offense!

    You have to leave the city of your comfort and go into the wilderness of your intuition. What you’ll discover will be wonderful. What you’ll discover is yourself. (Alan Alda )

  • :D :D :D


    Freut mich richtig, dass euch die informative Geschichte gefällt, die Idee ist mir auf Grund meines Italienischkurses gekommen und ich dachte, könnte ja ganz interessant für euch sein. :)



    Und Birgit, sei froh, dass ich die nicht auf italienisch geschrieben habe, die Vergangenheit haben wir als Zeitform noch nicht durch genommen. ;)