8. Türchen

  • 25. Dezember
    Ein eisiger Wind kroch durch die Zeltwände und damit sanken auch in den Zelten die Temperaturen langsam aber sicher immer tiefer. Radar wickelte sich noch ein wenig fester in seine Decke ein. Seinen Teddy drückte er dabei an sich, schließlich sollte er nicht frieren müssen. Es war mittlerweile schon deutlich nach Mitternacht und alle würden am nächsten Morgen das Weihnachtsfest feiern wollen, denn Father Mulcahy hatte die Waisenkinder eingeladen gegen Mittag ins Camp zu kommen, um mit dem Personal des 4077th das Fest zu feiern.
    Radar konnte einfach nicht schlafen. Er machte sich sorgen um Henry.
    Vor zwei Tagen war er aufgebrochen, um im 8063th die Weihnachtspost abzuholen, die wohl versehentlich dort angekommen war. Da im Moment keine Verwundeten erwartet wurden und die Intensivstation bis auf einen einzelnen Patienten gähnende Leere aufwies, konnte er es sich erlauben und fahren. Henry wollte unbedingt selbst fahren, denn der letzte Patient gehörte zu Hawkeye und Trapper und auf Major Burns wollte er sich nicht verlassen. Schließlich hatte sich dieser bei der letzten „freiwilligen Hilfsaktion“ wieder einmal darauf berufen, dass er verheiratet sei und Kinder habe. „Als ob das nicht auf fast jeden hier zutrifft“, hätte er ihm da am Liebsten ins Gesicht gebrüllt, aber dieses Mal hatte Henry es sich verkniffen. Schließlich sollte bald Weihnachten sein. Das Fest der Freude und der Liebe.


    23. Dezember
    Radar stürmte mit dem Telefonhörer in der Hand ins Büro von Henry Blake. „Colonel“, schreit er, „das 8063th ist am Rohr, die haben unsere Post bekommen!“
    „Herrlich! Dann bekommen wir doch noch unsere Weihnachtsplätzchen. Wann schicken sie die her?“ Radar mag es ihm nicht sagen, daher streckt er Henry nur den Hörer entgegen.
    „Ist da das 4077th? Hier ist das 8063th, wir haben ihre Post bekommen. Wann können sie die holen?“
    „Äh, ja also, hier spricht Henry Blake. Colonel Henry Blake… Ich, ähm, ich wollte fragen, ob sie die Post herschicken können.“
    „Sorry, Colonel, aber wir haben hier die Post von allen M*A*S*Hs im Umkreis von 400 Meilen bekommen, wir können unmöglich noch den Postboten spielen. Außerdem haben wir gerade eine neue Lieferung Verwundeter bekommen und können noch nicht einmal den Kartoffelschäler abstellen“, tönt es da zurück.
    „Oh, ähm. Naja, äh. Wir werden da schon eine Lösung finden. Vielen Dank für die Information. Auf Wiederhören.“
    Henry gab Radar den Hörer zurück und beauftragte ihn, die Offiziere in sein Büro zu holen. Als diese nach einigen Minuten angekommen waren, erklärte Henry ihnen kurz und knapp, dass er nun ins 8063th fahren werde und dort die Post abholen werde. Er erwartete eigentlich, dass zumindest Trapper und Hawkeye einen blöden Spruch bringen würden oder Margret etwas sagen würde. Aber niemand sagte etwas. Burns fragte auch nicht, ab wann er denn der kommandierende Offizier sein würde.
    Ein paar Stunden später hatte Henry seine Tasche gepackt und Radar hatte für ihn in der Messe ein paar Sandwiches und heißen Kaffee geholt. „Colonel, bitte seien Sie vorsichtig und nehmen sie auch die zusätzlichen Decken mit, die ich aus dem Lager geholt habe.“ Die Temperaturen sanken immer weiter. Mittlerweile war es so kalt in Korea, dass aufgrund der Kälte die Gewehre nicht mehr geladen werden konnten und auch die Bomben nicht gezündet werden konnten.


    Henry fuhr los. Auf dem Weg ins 8063th begegnete ihm keine Menschenseele. Nach 3 Stunden kam er endlich dort an und konnte sich kurz im Messezelt aufwärmen. Der Koch dort hatte es geschafft aus den Restbeständen des 2. Weltkriegs eine annehmbare Mahlzeit zu kochen und als Nachtisch gab es sogar frisch gebackene Plätzchen. Eine Auswahl aus Ausstechplätzchen, Vanillekipferl, Pfefferminzwürfel, Zimtsternen, Erdnussplätzchen, Pistazienschnitten, Spitzbuben, Betmännchen, schwedischen Lebkuchenherzen, Linzer Plätzchen, schwarz-weiß Gebäck und noch vielem anderen. Im Messezelt war es ziemlich leer, da das chirurgische Personal vor knapp 1 Stunde aus dem OP kam und nun schon in den Betten lag. Henry unterhielt sich mit dem Koch einige Zeit, wenigstens ein Wenig wollte er sich aufwärmen. Nach dem 5. Kaffee kehre bei ihm endlich das Gefühl zurück in die Finger. „Sie wollen wirklich jetzt schon zurück fahren? Es wird Abend und die Temperaturen sollen noch weiter sinken.“ Henry erzählte ihm, dass seine Leute schon auf die Post warten würden und er rechtzeitig zurück sein möchte, damit er mit den Waisen zusammen das Fest feiern könne. Der Koch schlug vor, dass Henry für das Fest doch auch noch einige der Plätzchen mitnehmen solle, schließlich hätten sie mehr als genug davon. Henry bedankte sich und nahm noch eine Tasse Kaffee. Anschließend verabschiedete er sich und machte sich auf den Rückweg.


    25. Dezember
    Radar wartete immer noch auf Henry. Mittlerweile war es schon 9 Uhr und es gab noch kein Lebenszeichen von ihm. Auch die übrigen Campbewohner machten sich Sorgen und baten Radar immer wieder im 8063th anzurufen. Doch was sollte das 8063th schon neues wissen, schließlich ist Henry noch am selben Tag wieder zurück gefahren. Hawkeye und Trapper wollten sich auf den Weg machen und Henry suchen, doch leider gab es inzwischen ein paar Patienten auf der Intensivstation. Viele Zivilisten aus der Gegend kamen mit schlimmen Erfrierungen und mussten versorgt werden. Daher konnte kein weiterer Arzt entbehrt werden. Auch die Schwestern wurden dringend gebraucht. Somit gab es niemanden, den das 4077th losschicken konnte, um nach Henry zu suchen.
    Plötzlich stürmte Klinger ins Büro und Radar schrak zusammen. „Radar, die Kinder sind da! Das Fest kann beginnen“, wo ist der Weihnachtsmann? „Aber Colonel Blake ist noch nicht wieder da und wir wissen nicht, ob ihm was passiert ist.“ Klinger drehte sich auf den Haken seiner goldenen Pömps und verließ das Büro. Er ging direkt zum Wagenpark, stieg in einen Jeep und fuhr los.
    Nach etwa einer halben Stunde fand Klinger einen leeren Jeep und darin auch die Post fürs 4077th. Er wunderte sich und packte zuerst die Post in den anderen Jeep. Dann nahm er eine Decke und die Notfalltasche aus dem Jeep und auch die Taschenlampe nahm er mit. Auf der anderen Seite des verlassenen Jeeps fand er Fußspuren im Schnee. Diesen folgte er und wanderte immer tiefer durch das Gestrüpp und hinein in ein kleines Wäldchen. Klinger folgte mehr als einer Stunde den Spuren im Schnee und inzwischen fror er immer mehr. Er nahm sich vor, spätestens bei Einbruch der Dunkelheit den Rückweg zum Jeep anzutreten, auch wenn ihm Henry wichtig ist und er ein schlechtes Gewissen hatte, weil nicht er zum 8063th gefahren ist.
    Als es anfing zu dämmern befand sich Klinger mitten in einem dichten Wald. Hier lag nirgendwo mehr Schnee und die Spuren, denen er gefolgt war, hörten auf. Klinger drehte sich im Kreis, weil er nicht mehr wusste, wo er weitersuchen sollte und nicht wusste, wie er zurück zur Straße kommen sollte. Es wurde immer dunkler und die Batterien der Taschenlampe neigten sich auch dem Ende zu. Klinger hatte sich in die Ersatzdecke eingewickelt und wanderte immer weiter durch den Wald, ohne zu wissen wo genau er sich befand. Doch auf einmal erblickte er ein kleines Schimmern hinter den Bäumen. Er näherte sich dem Schimmern. Es wurde immer heller und heller und als er aus dem Wald trat sah er eine kleine Hütte mit hell erleuchteten Fenstern.
    Als Klinger erkannte was sich da vor ihm zwischen den Zweigen auftat, staunte er nicht schlecht. Eine kleine Hütte. Eine sehr kleine Hütte. So eine kleine Hütte hatte er nicht einmal bei den Dorfbewohnern in der Nähe des Camps gesehen. Vorsichtig trat er aus dem Wald hervor. Er wusste nicht genau, was er tun sollte. Ihm war fürchterlich kalt und in der Zwischenzeit, seit er überlegte was er machen sollte und nur auf der Schwelle zwischen Wald und Lichtung stand war es völlig dunkel geworden und die Temperatur ist noch tiefer gesunken. Er blickte nach oben in den Himmel. Vielleicht könnte er an den Sternen erkennen, in welche Richtung er gelaufen war und den Weg zurück finden. Vielleicht sollte er auch zu der Hütte gehen und hoffen, dass er dort über die Nacht kommen könnte, dann könnte er am Morgen weiter nach Henry suchen.
    Plötzlich knackte hinter ihm ein Stück Holz. Erschrocken drehte Klinger sich um und sah erst einmal nichts. Da zog etwas an der Decke, die er um sich gewickelt hatte. Ein kleiner Junge, geschätzt nicht einmal 5 Jahre alt, stand vor ihm. In den Armen hielt er eine Menge Zweige und anderes Brennmaterial. Der Junge blickte ihn mit großen angsterfüllten Augen an und sagte etwas, was Klinger nicht verstand. Der Junge ging einen Schritt auf das Haus zu und hob etwas die Arme. Klinger blieb wie angewurzelt stehen. Da kam der Junge wieder zu ihm und zog nochmal an der Decke. Da verstand Klinger und folgte dem Jungen zur Hütte.
    Als er die Tür öffnete sah Klinger auf der linken Seite neben der Tür eine Bettstatt und auf der rechten Seite zwei Ziegen und ein kleines Huhn. Der Junge ging zum Herd, der der Tür gegenüberlag und legte seine Zweige zu dem kleinen Häufchen, was schon dort gelagert war. Dann kam er auf Klinger zu und zog ihn an der Decke in Richtung Bettstatt. Dort lag zusammengekauert ein Mädchen. „Das Mädchen ist vielleicht sechs oder sieben Jahre alt“, fuhr es Klinger durch den Kopf. „Was machen die Kinder hier so alleine?“
    Die Tür öffnete sich ein wieder und Klinger drehte sich um. Henry stand in der Tür. „Colonel!“ „Klinger, was ähm tun Sie denn hier?“ „Na, ich suche sie, wir haben sie alle vermisst und uns Sorgen gemacht!“ Henry meinte nur, „gut, dass sie da sind. Wenn es morgen früh wieder hell wird, machen wir uns mit den Kindern auf den Weg ins Camp!“ Klinger, dem nach und nach wieder wärmer geworden war, schlief schon selig an eine der Ziegen gekuschelt ein.
    Am nächsten Morgen brachen Henry, Klinger und die beiden Kinder zusammen mit den Ziegen und dem Huhn auf und kamen recht bald an die Straße und zum Jeep. Dort angekommen war es nur noch ein Katzensprung zum 4077th. Dort angekommen wurden alle vier umringt und Radar wollte sofort wissen, wo Henry gewesen sei und er habe sich Sorgen gemacht.
    Henry bat ihn den Father zu holen und alle anderen sollten doch mit in sein Büro kommen. Dort ging er erst einmal zum Schränkchen und holte sich ein Gläschen Gutes. Als der Father eintraf, fing er an zu erzählen:
    „Ich habe mich noch abends auf den Rückweg vom 8063th gemacht. Doch auf der Hälfte der Strecke wollte der Jeep nicht mehr. Es war zu weit in der Kälte und Dunkelheit zurück zu laufen und auch zu weit, um hierher zu kommen. Daher habe ich aus Zweigen ein Feuer gemacht und mich in die Decken eingewickelt. Dann habe ich versucht heraus zu finden, wieso der Jeep nicht mehr wollte. Weit und breit war nichts und niemand zu sehen, der mir hätte helfen können. Irgendwann hörte ich etwas im Wald und schon stand der kleine Junge vor mir. Er hatte viel Brennholz in den Armen und zog an meiner Decke. Ich folgte ihm, denn in einer Hütte wäre es sicherlich einfacher die Nacht zu überstehen. Dort angekommen lag auf dem Bett eine junge Frau und neben ihr ein kleines Mädchen. Die Frau schien sehr krank zu sein. Die Kinder wollten, dass ich ihr helfe, doch leider konnte ich ihr nicht mehr helfen, die Lungenentzündung war zu schwer und das Fieber schon ziemlich hoch. Ich versuchte mein Bestes, kümmerte mich um sie und versuchte ihr das Leiden etwas zu lindern. Die junge Frau konnte sogar etwas Englisch und bat mich, mich um die Kinder zu kümmern und sie zu den Schwestern ins Waisenhaus zu bringen. Gestern am Nachmittag ist sie dann gestorben. Die Kinder und ich haben sie begraben. Die Kinder waren traurig, aber ihre Mutter hat ihnen wohl die Weihnachtsgeschichte erzählt. Sie wissen, dass sie ihre Mutter wiedersehen werden.“
    Die Kinder haben still im Zimmer gesessen, doch nun stand da kleine Mädchen auf. „Wir sind zwar traurig, aber nicht so sehr, denn unsere Mutter hat uns erzählt, dass wir nun zu Weihnachten eine neue Familie bekommen werden und alles besser wird. Daher möchten wir nun dem Mann, der uns gerettet hat, die Tiere schenken und uns bedanken. Was hätten wir ohne ihn getan? Mama hätte mehr gelitten und wir wissen nicht, wo wir geblieben wären. Danke!“
    Niemand wusste, was gesagt werden sollte, bis der Father das Wort erhob und nur still meinte: „Das ist Weihnachten, ein neues Jahr und ein neues Leben beginnt. Für diese beiden Kinder wird es ein anderes Leben sein, aber dafür sind sie nicht allein. Strahlen sie nicht Zuversicht aus?“

  • Wow, was für eine spannende, traurige und schöne Geschichte! Die hätte auch gut auf den 24. gepasst! ;)


    Lustig fand ich ja, dass alle unsere Plätzchen aus dem Forum ihren Weg ins 8063. geschafft haben!!!! :D

  • "Schnief"
    Schöne Geschichte.


    Aber das Bild von Klinger mit der Ziege im Arm bekomme ich sooo schnell nicht mehr aus dem Kopf. 8o

    Life’s a journey. You need friends to enjoy the ride. Celebrating the greatest joy of all – Friendship.

  • eine schöne Geschichte :)

    You have to leave the city of your comfort and go into the wilderness of your intuition. What you’ll discover will be wonderful. What you’ll discover is yourself. (Alan Alda )