17. Türchen


  • Have Yourself a Merry Little Christmas


    Hawkeye lief frierend durchs Camp. Sein Ziel lag irgendwo. Wohin sollte er auch schon laufen. Es gab nicht wirklich die große Auswahl: Das Messezelt oder das Krankenhaus. Wenn man die Bretterbude denn Krankenhaus nennen konnte. Die Latrine vermied man um diese Jahreszeit soweit man es nur konnte, denn die Gefahr an der Brille festzufrieren, war ebensogroß wie sich eine spontane Blasenentzündung zu holen. Ein Wunder, dass der Urin nicht schon beim Austritt aus dem Körper zu einem Eiszapfen fror. Immerhin blieb bei diesen Temperaturen der beißende Gestank aus, der einem im Sommer davon abhielt die Latrinen aufzusuchen.


    Hawkeye hielt kurz inne und schüttelte den Kopf. Wie bescheuert bin ich eigentlich, dass mich hier schon Latrinen in meinen Gedanken gefangen nahmen. Er holte tief Luft und augenblicklich reizte die kalte Luft seine Kehle so sehr, dass er husten musste. Der Speichel, der aus seinem Mund trat, war schon vor der Berührung mit dem Boden zu einem kleinen Eisbrocken gefroren. Hawkeye zog den Parka enger um die Schultern, und klatsche in seine Hände, um irgendwie ein bisschen Wärme in seien durchfrorenen Körper zu bringen. In der Nacht war der Ofen im Sumpf ausgegangen, weil Charles sich wieder einmal zu fein gewesen war, seinem Ofendienst nachzugehen und zu sehen, dass genügend Brennstoff vorhanden war. Hawkeye war mit eisigen Füßen und roter Nase aufgewacht, hatte sich ein weiteres Paar Wollsocken über die Füße gezogen, schlüpfte in seine Armeestiefel und zog sich eine Mütze und Handschuhe an. Den Parka hatte er gestern Abend gar nicht erst ausgezogen.


    Er schaute zu den beiden großen Zelten hinüber. Es war 5 Uhr morgens und das Camp lag noch im Dämmerschlaf und die Messe und das Lazarett waren wahrscheinlich die einzigen Orte, die einigermaßen wohl temperiert waren. In der Messe wartete vielleicht eine lauwarme Tasse Kaffee auf Ihn und ein schlechtgelaunter Igor, der geschirrklappernd zwischen Küche und Messe hin und her trotten würde um bald so etwas wie Frühstück zu servieren. Im Lazarett wartete Marina. Junge, unschuldige, verliebte Marina. Ihre Truppe hatte die letzten Tage vor Weihnachten ein paar Tage frei bekommen und alle waren nach Tokio geflogen um ein bisschen im Luxus zu baden.


    Nicht Marina! Marina stand im wahrsten Sinne des Wortes einfach vor seiner Haustür, klopfte an und wurde eingelassen. Nachdem sie bei Ihrem letzten Aufenthalt im 4077- ten bewies ein gutes Händchen mit den Verwundeten zu haben, quartierte sie Colonel Potter kurzerhand in einem der vielen leerstehenden Betten im Lazarett ein. Mit der Option wann immer sie wollte ins VIP Zelt zu flüchten. Aber Hawkeye wusste, dass sie im letzten Bett, nahm am Ofen liegen und wahrscheinlich von ihm träumen würde.


    War er eitel? Nein. Es gab nur einen Grund warum sie in diese Hölle zurückgekommen war und der war er. Sie sprach davon ein wenig vorweihnachtliche Stimmung im Camp verbreiten zu wollen, und sah ihm dabei tief in die Augen. Sie sprach davon, wie sehr sie alle vermisst hatte und sah ihm dabei in die Augen.


    Er wog ab. Marina oder Igor. Was gab es da abzuwiegen. Selbst eine schlafende Marina strahlte mehr Wärme und Zuversicht aus als ein mürrischer Igor und eine Tasse lauwarmer Kaffee. Er setzte sich wieder in Bewegung und ging mit langen Schritten auf das Lazarett zu. Vorsichtig öffnete er die Tür und nickte der diensthabenden Schwester zu. Dann blickte er in Richtung Marina. Als hätte sie ihn erwartet setzte sie sich in ihrem Bett auf und lächelte ihm zu. Hawkeye wurde warm ums Herz. Ein Lächeln Marinas half mehr als alle Medizin. Er ging zögernd auf ihr Bett zu. Ihm war ein bisschen unwohl. Hier war er, ein bisschen verliebt, aber das Alter und der Krieg hatten ihn vorsichtig werden lassen. Innerlich lachte er bei dem Gedanken an sein Alter. In Korea waren die Monate wie Jahre und sein Jahre hier hatten ihn bestimmt ein Jahrzehnt altern lassen.


    Es wäre eine Leichtigkeit gewesen sich in Marina zu verlieben. Aber er wollte sie nicht unglücklich machen. Nicht auch noch sie. Er ging auf sie zu, zog den Stuhl aus der Ecke an Ihr Bett. Sie sah ihn sanft an. „Auch schon wach“, flüsterte sie und strahlte dabei übers ganze Gesicht. „Wach und auf der Suche nach Wärme,“ antwortete Hawkeye und öffnete sowohl seinen Schal als auch seinen Mantel. „Charles hat den Ofen ausgehen lassen und meine Zehen sind so kalt geworden, dass ich nicht mehr einschlafen konnte.“


    „Und dann bist du zu mir gekommen“, Marina griff nach Hawkeyes Hand und zog sie zu sich. Der erste Impuls seine Hand wegzuziehen verflog in dem Moment, als ihre warme Hand seine eiskalte Haut berührte. Ein bisschen menschliche Wärme kann doch nicht schaden und es fiel ihm schwer es zuzugeben, doch es war nicht nur sein Körper, der eiskalt war und der sich nach Wärme sehnte. Er wollte protestieren, aber sie hatte ja Recht. Er war zu ihr gekommen. Er nickte.


    „Und warum bist du schon wach”, fragte Hawkeye flüsternd. „Ich habe an Weihnachten gedacht“, antwortete sie. „Zu Hause haben sie schon die Lichter in die Fenster gestellt und bestimmt riecht es im ganzen Haus nach Plätzen und gerösteten Kastanien.“ Sie seufzte. „Hier ist alles einfach nur dunkel“, fuhr sie fort. „Zum ersten Mal, seitdem ich hier in Korea bin fühle ich mich richtig alleine und habe unbeschreibliches Heimweh.“ Hawkeye nickte. Er wollte etwas sagen, aber was konnte er ihr schon sagen? Es war sein drittes Weihnachten in Korea und es war in den Jahren nicht besser geworden. Er hat es überlebt. BJ hatte es überlebt, sie alle würden weiterleben, aber ein Teil ihres Lebens würde für immer mit diesem Weihnachten in der Ferne leben müssen. Er hasste es zu sehen, wie sich ein Schatten über ihr Leben legte.
    Er dachte an das Lied, dass sie im letzten Jahr im Camp gesungen hatten:
    Have Yourself a Merry Little Christmas
    It may be your Last.
    Next Year we will all be living in the past.


    Es war nicht Ihr letztes Weihnachten gewesen. Wenn nicht alles schief gehen würde, würden sie in ein bisschen mehr als 3 Wochen wieder Weihnachten feiern. Er sah zu Marina hinunter. Ihre Augen lechzten nach einer Ermutigung, nach einem guten Wort. Danach, dass er sie in die Arme nehmen würde und für einen kleinen Moment würde alles in Ordnung sein. Er dachte an das Lied. Nein, so ging das nicht. Dann trat ein Lächeln auf sein Gesicht. Er nahm ihre Hand und begann leise zu singen:


    Have Yourself a Merry Little Christmas
    Let your heart be light.
    Next year all our troubles will be out of sight.



    http://de.wikipedia.org/wiki/H…_a_Merry_Little_Christmas