8. Türchen

  • Hawkeye konnte soviel Boshaftigkeit nicht ertragen und pfefferte den ersten Versuch in die Flammen. Schnappte sich dann die übrigen Streifen und machte sich auf dem Weg zu Rosie, vielleicht würde er es alles besser verstehen, wenn er ein oder zwei Biere in der Bar hatte. Er wollte vor allem verhindern, dass ein anderer Offizier einen weiteren dummen Spruch losließ.
    Aber auch Versuch Nummer 2 bis 5 waren allesamt für die Tonne, Hawkeye gab frustriert auf und schmiss diese in die Brenntonne vor der Bar. Aus 2 Bieren wurden am Ende 4 und der Captain schlürfte zum Sumpf zurück, er legte sich unter die Decke und war sofort eingeschlafen.

    Die nächsten Tage brachten einen Verletztenstrom nach dem anderen, so dass die Chirurgen und das Pflegepersonal bis zu 20 Stunden im OP standen ohne große Pausen. Alle atmeten erleichtert auf, als das Wochenende kam und dieser den angekündigten Schneesturm mit sich brachte. Die müden Knochen brauchten dringend Erholung und der Kopf musste sich von den vielen verschiedenen Verwundungen, dem vielen Blut und den viel zu jungen Opfern befreien.

    Nach ausgiebig Zeit zum Schlafen und Erholen, trommelte der Colonel mit einer Durchsage das gesamte medizinische Personal zusammen.
    „An das gesamte medizinische Personal. Das heißt an alle Ärzte und Schwestern. In genau einer Stunde treffen wir uns im Messezelt zur großen Bastelstunde mit Doktor Pierce. Ich wünsche uns allen viel Spaß. Ende der Durchsage.“
    Die Lautsprecher kratzten und ein Stöhnen ging durch die Truppe, besonders nachdem die Stimme von Colonel Potter noch einen Satz nachschob.
    „Diese Bastelstunde ist natürlich eine Pflichtveranstaltung. Ausreden gelten nur im Todesfall.“
    Vor allem BJ fand die Art der Freizeitgestaltung für unnötig.

    „Hawk, den Blödsinn haben wir nur dir zu verdanken. Kannst du nächstes Mal einfach deine Klappe halten, wenn jemals wieder ein Brief von der Schule kommt.“
    „Was machst du mich dafür verantwortlich, BJ? Margaret hat sich über uns Ärzte bei dem Chef beschwert. Ich konnte doch davon gar nichts ahnen.“
    Winchester war mit den beiden Captains im Sumpf, erhob sich aber nun und schnappte sich sein Handtuch.
    „Die Herren entschuldigen mich bitte. Ich werde noch schnell vor dieser wunderbaren Vorstellung von Pierce duschen und dann im Messezelt auf Sie warten.“
    Und schon entschwand der Major pfeifend. Hawk schmiss ihm noch seine dreckige Wäsche hinterher, aber das bekam Charles nicht mehr mit.
    „Ist das zu fassen? Dieser aufgeblasene Wichtigtuer denkt wohl er, dass er sich über mich lustig machen kann. Warte es nur ab, Beach. Er wird sich noch umschauen.“
    BJ reichte seinem Freund einen frisch destillierten Martini.
    „Aufregen nützt hier gar nichts. Die Nerven kannst du dir sparen für die wirklich wichtigen Dinge. Trink das hier und dann wird das schon alles. Wenn gar nichts geht, dann können wir die Sterne immer noch auf der Latrine aufhängen.“
    „Wie aufbauend. Na dann Prost!“
    Das Glas wurde in einem Zug geleert und Hawk ließ das Teufelszeug die Kehle runter laufen. Er wusste etwas, was kein anderer wusste. Potter und Co. würden Augen machen.

    Im Messezelt hatten Radar und Father Mulcahy alle Hände voll zu tun gehabt. Nach dem Mittagessen, was viele ausfallen ließen, räumten der Father und der Corporal die Tische und Bänke um. Hawkeye würde an einem kleinen Tisch ganz vorne stehen und die anderen Teilnehmer würden in zwei Reihen davor sitzen. So versetzt, dass jeder dem Captain auf die Finger schauen konnte.
    Als Radar dann noch an jedem Platz Papierstreifen und Scheren verteilte, bewunderte der Campgeistliche die schönen Farben und Designs des Bastelmaterials.
    „Radar, Sie haben sie einmal wieder selbst übertroffen. Es gibt nur fröhliche Farben und weihnachtliche Motive. Kein rot, grün oder schwarz. Fantastisch.“
    „Das war gar nicht schwer, Father. Im Fomular für Papiernachschub habe ich einfach eine Stelle gestrichen und dafür buntes Papier und Weihnachtspapier bestellt. Das Hauptquartier hat gar nicht nachgefragt und hat es bedenkenlos geschickt.“
    „Und dann haben Sie alles in die richtige Größe geschnitten? War das nicht viel Arbeit?“
    „Ach nein. Das ging mir leicht von der Hand. Die anderen waren im OP beschäftigt und ich habe es geschnitten, während ich dies und das mit Sparky vom Hauptquartier tauschte um genügend Blut, Faden und Handschuhe fürs Camp zu haben.“
    Radar blickte sich um und trat an den Ofen, um sich die kalten Hände zu wärmen. Bald würde er wieder losziehen müssen und die Öfen aus den Unterkünften umzustellen. Vielleicht wäre die Bastelstunde genau der richtige Zeitpunkt für den Ofen aus dem Sumpf.
    „Hawk wird nicht sehr begeistert sein.“
    Der Kompanieschreiber zuckte zusammen, er fühlte sich ertappt wegen des Ofen.
    „Aber ich habe doch nur daran gedacht. Ich werde dafür doch nicht bestraft.“
    „Wovon reden Sie, mein Sohn? Wer soll Sie wofür bestrafen?“
    Mulcahy legte eine Hand auf Radars Schulter.
    „Na, dafür, dass ich gerade dachte, ich könnte in einer Stunde den Heizofen aus dem Sumpf auf die Intensive rüberbringen. Captain Pierce wird das gar nicht gefallen. Sie meinten dies doch zu mir.“
    Father Mulcahy lachte freundlich auf und schüttelte amüsiert den Kopf.
    „Mein Satz passte wohl auf beide Gedanken. Ihrem und meinem. Ich meinte damit eigentlich die Bastelstunde, dass er so auf dem Präsentierteller steht. Aber ihr Gedanke trifft sicherlich auch nicht auf große Freude bei den Herren.“
    Die beiden Männer wurden in ihrem Gedankenaustausch von Colonel Potter unterbrochen, der gerade hereinkam.

    „Hier sieht es noch so trist aus. Ich hoffe, das wird sich nachher ändern, wenn die Sterne erst einmal hängen.“
    Der Colonel war bester Stimmung. Schnee und Kälte konnten seinem Frohsinn nichts anhaben. In wenigen Wochen war Weihnachten und durch die Dekoration mit den Sternen würde es bestimmt etwas freundlicher im Camp aussehen. Er sah auf seine Uhr und dann hinaus auf den Vorplatz. Es war nicht mehr lange hin, wo die anderen wohl blieben.
    „Hm. Meine Ansprache wird wohl nicht klar genug gewesen sein, vor allem Pierce sollte schon hier sein.“
    „Colonel. Es werden alle pünktlich erscheinen, auch wenn ich sie persönlich dazu bringen muss.“
    Father Mulcahy hatte in diesen Fällen schon gelegentlich seine Überzeugungskünste unter Beweis gestellt. Doch er sollte diese nicht anwenden müssen.

    Die Tür zum Messezelt wurde geöffnet und es trat ein frisch raus geputzter Major Winchester ein. Er nickte den drei Herren am Ofen zu und begab sich wortlos in die erste Reihe genau vor dem Tisch, an dem Hawkeye stehen würde. Potter und Mulcahy wechselten fragende Blicke aus und dann zuckten beide die Schultern.
    „Ich hätte wetten sollen, dass er der Erste hier wäre. Damit hätte ich von Igor ein Vermögen bekommen.“
    Mit diesem Satz verließ der Corporal vor sich hinmurmelnd das Messezelt. Der Colonel und der Father ließen sich in der zweiten Reihe nahe dem Eingang nieder.

    Die Zeit schritt voran und nach und nach fanden sich Ärzte und Schwestern im Zelt ein, wohlwollend nahm der Kommandeur das Eintreffen neuer Lernwillige zur Kenntnis, nur auf Hawk und BJ wartete man noch immer. Aber dann ging die Tür auf und BJ kam lachend und kichernd Arm in Arm mit Hawkeye rein.
    „Schau dir die Lemminge an, Hawk. Die sitzen hier alle wie die Hühner auf der Stange und warten auf dich.“
    Der angesprochene gackerte wie ein Huhn und brach in schallendes Gelächter aus.
    „Und alle wollen lernen, wie man ein Haufen Kacke wickelt und schneidet. Das müsste man auf Film festhalten.“
    Colonel Potter räusperte sich und die beiden versuchten sich gerade hinzustellen, doch versagten kläglich.
    „Meine Herren. Das ist nicht Ihr ernst, dass Sie zu einer Pflichtveranstaltung, die ich angesetzt habe, betrunken erscheinen.“
    „Das ist echt die Höhe. Wie können Sie so etwas nur dem Colonel antun. Sie gehören an die Front und zwar sofort.“
    Margaret hatte sich vor den Männern aufgebaut und war ihrem Kommandeur ins Wort gefallen.
    „Sie sind einfach nicht mehr tragbar für dieses Camp. Sie sind so unmilitärisch wie es nur eine Bettwanze sein kann und so respektlos gegenüber ihrer Führungskraft. Ich kann es kaum Glauben.“
    Die beiden gerügten Männer schauten sich um und lachten wieder los.

  • „Beruhigen Sie sich, Major Houlihan. Wir sind weder betrunken noch respektlos, aber ein bisschen Stimmung dürfen wir doch noch machen oder?“
    BJ hatte sich korrekt hingestellt und sprach ganz klar und deutlich. Hawkeye rückte Mütze und Parka zurecht.
    „Ich werde jetzt nach vorne gehen und hoffe, dass ich auch Ihre Aufmerksamkeit haben werde, liebste Margaret.“
    Der Captain trat an der Oberschwester vorbei und lief zu seinem Platz und ließ die anderen links liegen.
    Colonel Potter war einiges gewohnt von den beiden Freunden, aber Befehlsverweigerung und Respektlosigkeit gegenüber ihm waren noch nicht dabei gewesen. Aber diesen Vorfall würde er als üblen Scherz abtun. Seine kleine Rache würde sicherlich noch irgendwann kommen. Nun wollte er erst einmal sehen, wie sich das Personal bei der kleinen feinmotorischen Übung machen würde.

    „Meine lieben Mitstreiter. Ich werde euch nun zeigen, wie man aus diesen vier Streifen einen wunderschönen Stern faltet. Die Kunst dabei besteht darin, sich nicht die Finger zu brechen oder ein Knoten in der Hand zu bekommen.“
    „Reden Sie nicht so viel, Pierce. Machen Sie. Ich will sehen, wie Sie sich zum Depp machen.“
    Charles konnte und wollte nicht den Mund halten. Er würde diese Show genießen und versuchen den Captain so richtig alt aussehen zu lassen.
    „Charles. Sie werden sich wie jeder andere auch gedulden müssen, um zu sehen, wie toll diese Sterne aussehen können, wenn ein Chirurg mit Fingerfertigkeit diese macht. Sie zählen nicht dazu. Das kann ich Ihnen schon jetzt sagen.“
    „Ha, das werden wir sehen. Sie sollten den Mund nicht zu voll nehmen, wenn ich mir diesen Versuch von Ihnen so ansehe.“
    Charles hatte einen der ersten Versuche am Finger baumeln, als er aufstand und alle anderen das Gebilde anstarrten.
    Es folgte ein Tuscheln der beiden Bankreihen, aber Hawkeye ließ sich davon nicht beeindrucken.
    „Bevor es noch mehr unqualifizierte Bemerkungen gibt, wollen wir loslegen.“
    Und so erklärte Hawk all die Schritte anhand der 4 Streifen vor ihm, die er im Handumdrehen zu einem perfekten Stern gefaltet hatte.

    Charles fielen fast die Augen aus dem Kopf. Wie konnte es nur sein, dass dieser Rüpel so einen Stern hinbekommen hatte, nach all den missglückten Versuchen.
    „Wie können Sie es wagen, so einen Stern hier abzuliefern? Da würde sich Herr Fröbel im Grabe umdrehen und jedes Kleinkind würde Sie in einem Schönheitswettbewerb schlagen.“
    „Oh ho, Charles, Sie haben den Fehdehandschuh geworfen. Den nehme ich gerne auf. Dann zeigen Sie als Bostoner Kind, wie es besser gehen soll.“
    BJ klatschte vergnügt in die Hände und Colonel Potter bekam ein breites Grinsen im Gesicht.
    „Wunderbar, dann haben wir gleich eine zweite Demonstration, wie ein Stern gefaltet wird, so dass sich die Schritte verfestigen und wir danach alle einen wunderbaren Baumschmuck basteln können.“
    Charles sah nun gar nicht mehr so hochmütig aus wie noch zu Beginn der Veranstaltung. Besonders als er dann wirklich aufstehen und nach vorne treten musste. Dies erinnerte ihn zu sehr an seine Schulzeit in Boston als er zum Sprachtest an die Tafel musste.
    Hawk stellte sich an seine Seite und überreichte ihm neue Streifen, die der Major verarbeiten musste.
    Charles schwitzte und bekam kaum noch ein Ton heraus.
    „Danke.“
    Und schon wurschtelte der Major vor sich.
    „Schön hochhalten, Major. Wir können so leider gar nichts sehen.“
    Am liebsten hätte er BJ den Hals umgedreht, aber er war ja nun einmal alleine daran schuld. Er hätte sich zurückhalten sollen.
    „Immer schön konzentrieren. Die Drehung am besten linksrum.“
    Hawk hatte natürlich hilfreiche Tipps, die Charles aber wissentlich ignorierte. Nach einer halben Ewigkeit war auch sein Stern endlich fertig und er hielt ihn mit zwei Fingern in die Höhe.
    „Und so sieht ein Stern von einem Anfänger aus. Vielen Dank, Major. Sie können sich gerne wieder setzen und fleißig üben. Ich komme gerne rum und helfe jedem, der Fragen hat.“
    Charles trollte sich kleinlaut, denn sein Stern sah wirklich katastrophal aus.

    Colonel Potter strahlte zufrieden. Winchester wurde einmal mehr in die Schranken gewiesen und das Camp hatte wieder etwas Neues gelernt. Margaret war auch erst einmal ruhig gestellt, denn die Ärzte würden sich nach diesem Tag noch mehr anstrengen und es der Oberschwester schwer machen ein Haar in der Suppe zu finden.
    Da alles nun geklärt war, machte auch er sich an die Arbeit und nahm sich seiner gelben Papierstreifen an, die er versuchte zu einem brauchbaren Gebilde zu verarbeiten.

    Hawk beantwortete hier und da ein paar Fragen und zeigte noch einmal ein paar Kniffe. Es fühlte sich super an, einmal nicht den Spaßvogel zu mimen um dem Krieg zu entfliehen. Diese Runde war viel schöner, denn er konnte viel aus dem Erlebnis lernen, besonders wie man andere mit Spaß unterrichtet. Vielleicht sollte er nach seiner Rückkehr in die Heimat das Angebot seines ehemaligen Professors annehmen und zu ihm an die Universität gehen.

    BJ trat an Pierces Seite.
    „Sag mal, wann hast du gelernt, die Fröbelsterne zu basteln? Wenn ich an die letzten Tage im Sumpf denke, war alles irgendwie Müll, was du auf die Beine gestellt hast.“
    „Tja, was soll ich dazu sagen. Ich habe auch eine Schule besucht, in der man in der Weihnachtszeit damit die Schulstunden gefüllt hat. Aber Colonel Potter hatte mich ja nicht ausreden lassen und nach der Ansage von Charles im Sumpf wollte ich es niemanden auf die Nase binden. Und es euch heute allen zeigen“
    Hawk grinste über beide Ohren und blickte sich im Messezelt um. Alle waren eifrig dabei zu falten und zu drehen. Selbst Charles faltete wie ein Wolf und Radar lieferte Nachschub an Papierstreifen.
    „Captain Pierce. Das war großartig, davon werde ich meiner Mutter schreiben. Der beste Streich seit langem.“
    Der Captain grinste noch breiter und es wurde noch ein langer Nachmittag im Messezelt bei dem Schneesturm.

    ***Ende***


    Wer nun auch einmal ein Stern basteln möchte, kann sich das folgende Video anschauen. Ich fand es in der Vorbereitung zu dieser Geschichte sehr hilfreich:


    https://www.youtube.com/watch?v=oDVR5sprVIs

  • Danke, es freut mich sehr, dass die Geschichte euch gefallen hat. Ich werde mir morgen mal grüne und gelbe Streifen holen und dann welche basteln. :)


    Das Ende war eigentlich ganz anders geplant, aber wie es so manchmal kommt, da entwickelt sich die Geschichte irgendwie von selbst. :)
    Ich wollte eher Radar als Retter in der Not einbauen, aber ein Soldat bei Rosie das wäre noch besser gewesen. :) Gute Idee Dutch. Vielleicht darf das für eine andere Idee verwenden.

  • Das macht Lust meinen "Hass"Stern noch einmal zu probieren.
    Danke für die anregende Geschichte.

    Life’s a journey. You need friends to enjoy the ride. Celebrating the greatest joy of all – Friendship.