10. Türchen

  • Korea, im Dezember 1952.Im Messezelt des 4077sten MASH herrscht reger Betrieb. Neben den Ärzten, Schwestern und Pflegern sitzen auch die Kinder des benachbarten Waisenhauses kreuz und quer auf dem Boden verteilt und lauschen der Geschichte, die Father Mulcahy erzählt:

    Die Geschite des Eselchen

    Tiere können ja eigentlich nicht sprechen. Aber wenn dich dein Kätzchen so zärtlich an schnurrt und dir um die Beine streicht, da meinst du manchmal zu hören: „mir geht es gut, ich bin zufrieden“.Und wenn dich dein Hund mit großen Augen anschaut, mit dem Schwanz wedelt und aufmunternd bellt, dann könnte es vielleicht heißen:“ komm, geh doch mit mir spazieren.“
    Auch das Eselchen, das das Kind durch die Wüste getragen hat, konnte ja eigentlich gar nicht sprechen.
    Aber als es im sicheren Ägyptenland so wohlig in der Sonne lag vor dem Häuschen, das Josef seiner Familie gezimmert hatte, da schrie dieser Esel oft: „ja – ia-ia“ in so vielen verschiedenen Tonarten, dass es sich wirklich lohnt, genau hinzuhören.Und vielleicht hat er dir wirklich alles erzählen wollen, was er auf der Flucht wunderbares erlebt hat.
    „ Zuerst war ich ja wütend, dass ich mitten in der Nacht geweckt wurde“ schrie das Eselchen.„Ich hatte mich gerade so schön ausgeruht nach dem langen Ritt von Nazareth nach Bethlehem. Richtig abgemagert bin ich gewesen nach dem weiten Marsch über die steinigen Wege.Das Heu duftete so gut im Stall, es gab einen ganzen Eimer mit frischem Brunnenwasser, und Maria kraulte mich hinterm Ohr, dass ich sanft und tief einschlief.Da passte es mir natürlich gar nicht, dass Josef kurz nach Mitternacht, als der Mond noch hoch am Himmel stand, mich in die Seite puffte und ich meine müden Hufe aufstellen musste.
    Ich hatte mir richtige Blasen und wunde Stellen gelaufen und dachte, ich könnte gar nicht mehr auftreten.Aber sonderbar – der harte Boden tat mir gar nicht weh; es war, als ob ich weiches Heu unter den Hufen hätte.
    Aber dann schleppte Josef die Wasserschläuche, einen Korb voll Weintrauben und Apfelsinen, einen Sack mit Brot, Käse und Oliven, ja, sogar die holzgeschnitzten Schalen und Löffel der Hirten heran.Nein, er konnte gar nicht genug kriegen! Er musste auch noch die Hirtenflöte, die schön verzierten Kästen und Schalen der Könige und auch noch sein Handwerkszeug mitnehmen, seine Säge, den Hammer, die schweren Eisennägel, alles, was ein Zimmermann so braucht!
    Ich war empört! Das war doch wirklich überflüssiges Zeug, wenn man einen so weiten Ritt durch die Wüste vorhat.Wassersäcke und Heu für mich hätten wirklich genügt, und vielleicht noch ein paar Decken für die kalten Nächte.Ich dachte, ich würde hinter dem nächsten Hügelzug zusammenbrechen unter der schweren Last. Dann hätte Josef seinen ganzen Kram allein schleppen können. Die Menschen ahnen ja nicht, wie schwer das ist, was sie uns Tieren immer aufladen!
    Aber sonderbar – die Last war so leicht, als ob nur ein winziges Heusäckchen auf meinem Rücken hin und her tanzte. Und Maria und das Kind spürte ich eigentlich überhaupt nicht. Es war ganz gut, dass sie oben drauf saßen. So konnte ich das Gleichgewicht halten, und die Ladung konnte nicht hin und her rutschen.
    Aber es passierte noch mehr Wunderbares! Die Sonne hatte mich auf dem Marsch von Nazareth nach Bethlehem so geblendet, dass Josef mir die Augenklappe ganz nach vorn biegen musste. Richtig weh tat es mir! Und die Sonnenstrahlen sengten so, dass ich manchmal glaubte, ich müsste verglühen.Doch diesmal war die Sonne so mild und angenehm wie an einem schönen Märztag, so gerade richtig zum Wandern
    .Und dann der Sandsturm! Vor dem habe ich ja am meisten Angst! Der verklebt mir Mund und Nasenlöcher, das ich kaum noch atmen und erst recht nicht mehr schreien kann. Aber der Sandsturm, der sich gegen Mittag erhob, als die Hitze über der Wüste stand, war ganz anders. Er wirbelte zwar auch um uns herum, aber die Sandkörner piekten und stachen nicht. Es war eigentlich nur so ein angenehmes Prickeln auf der Haut.
    Das Merkwürdigste jedoch waren die Nächte, die wir in der Wüste verbrachten. Die können ja manchmal so kalt sein, das Schafe und Esel fast erfrieren, besonders, wenn sie keinen Unterschlupf finden. Aber wir kamen immer gerade zur rechten Zeit an eine Felsenhöhle oder an eine Oase mit Buschwerk und Gras.Wenn wir dann in der Felsenhöhle schön eng zusammen rückten, war es richtig gemütlich, und wir wärmten uns gegenseitig mit unserem Atem.Der Nachtwind, der draußen vorbei strich war auch gar nicht so eisig wie sonst, sondern richtig mild und war. Mir schien es, ob sogar das kalte Licht des Mondes und die funkelnden Strahlen der Sterne uns ein bisschen wärmten
    .Ich glaube, nun fange ich alter Esel richtig zu träumen und zu schwärmen an. Doch ich erzähle ja bloß, wie ich jene Nacht erlebt habe.Und dann sehe ich Josefs Gesicht noch vor mir, als wir endlich die Grenze überschritten hatten. „Jetzt ist unser Kind gerettet, Maria“ rief er, „nun wird Herodes es nicht mehr holen können!“Nur ein kann ich nicht verstehen: Maria hatte zwar auch ein dankbares Lächeln auf dem Gesicht, aber sie sagte ganz ernst: „nein, vor Herodes brauchen wir uns nicht zu fürchten. Aber vor anderen Menschen! Was sie ihm später antuen werden.“
    Über diese merkwürdigen Worte muss ich noch heute nachdenken, wenn das Kind so fröhlich um mich herum spielt und mich hinter den Ohren krault. Ich kann es nicht glauben, dass die Menschen mit einem so lieben Kind etwas Böses vorhaben!“


    Autorin: Barbara Cratzius



    Als der Father seine Erzählung beendet hat, herrscht hier und dort noch Schweigen.
    Während die Kinder schnell zu ihrem Spiel zurückkehren und fröhlich um den provisorisch geschmückten Weihnachtbaum herum toben hängen die Erwachsenen noch ihren Gedanken nach.
    Egal ob christlichen Glaubens oder nicht, jeder ist auf eine gewisse Art berührt vom Geist der Weihnacht.
    Radars Gedanken gelten dem armen Esel, der es dann doch so gut angetroffen hat, wo er doch selbst der festen Überzeugung ist, dass man mit den Tieren sprechen kann.
    Vereinzelt taucht auch der Gedanke auf, das es wohl niemals anders werden wird, mit der Boshaftigkeit der Menschen untereinander, das es immer Menschen geben wird, die andere Menschen auf Grund ihrer Einstellung, ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft verfolgen – aber es bleibt auch die Hoffnung.
    Hoffnung auf eine bessere, schönere Zeit, und auf FRIEDEN…

  • Ich weiß nicht was ich sagen soll, die Geschichte einfach schön und das Schlusswort *Seufz*.
    Drei Daumen hoch.

    Life’s a journey. You need friends to enjoy the ride. Celebrating the greatest joy of all – Friendship.