18. Türchen

  • Fortsetzung der Geschichte vom 13. Türchen :)


    Als Radar gerade ein scharfes Messer für das Paket hervor geholt hatte, kam Colonel Potter aus seinem Büro. Der Corporal drehte das Paket unmerklich so, dass der Absender nicht zu lesen war.
    „Radar, haben Sie es schon bei meiner Frau versucht?“
    „Noch nicht, Sir. Ich bin gerade erst von meiner Runde zurück und wollte gleich versuchen die Verbindung herzustellen. Dabei ist mir aufgefallen, dass es in den Staaten jetzt mitten in der Nacht sein muss. Soll ich Ihre Frau wecken mit dem Anruf.“
    Sherman Potter überlegt kurz und schüttelte den Kopf.
    „Keine gute Idee. Dann ist sie immer so in Sorge, wenn das Telefon nachts klingelt. Sie würde denken, dass mir etwas passiert ist. Ich werde mal nach Sophie schauen und sie etwas bewegen.“
    „Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Ausritt, Sir.“
    Der Colonel verabschiedete sich und nun waren es nur noch Radar und das Paket.

    Er öffnete vorsichtig den Deckel und spähte hinein. Obenauf lag ein Briefumschlag mit seinem Namen darauf. Radar zog den Umschlag heraus und setzte sich hin.

    Lieber Walter O’Reilly,

    heute schreibe ich Sie wegen einer ganz besonderen Angelegenheit an. Dieses Paket war die Idee all der lieben Menschen, die Sie und die anderen im MASH 4077th vermissen, besonders jetzt zur Weihnachtszeit.

    In den Staaten ist an jeder Ecke die vorweihnachtliche Stimmung zum Greifen nah und die man denkt an die Menschen, die dieses Jahr nicht bei uns sein können. Der Krieg, ich nenne ihn jetzt einfach mal so, hält unsere Männer, Väter und Großväter gefangen am anderen Ende der Welt.

    Ende Mai bei der großen Party, wo ich so viele neue und liebe Menschen kennen lernen durfte, waren wir uns schon einig, dass wir uns noch einmal treffen wollen. Dies haben wir auch gemacht. Es waren wieder alle dabei, sogar die Eltern von Major Winchester waren wieder anwesend. Wir haben uns letztes Wochenende alle bei mir getroffen, daher kommt das Paket auch aus Hannibal.

    Mein Mann Sherman schreibt immer sehr viel Nettes über Sie, lieber Walter. Daher habe ich mir gedacht, dass ich mit meinem Anliegen bei Ihnen genau richtig bin. Von diesem Paket dürfen, Sherman und die anderen Campbewohner noch nicht gleich etwas erfahren. Wir haben uns gedacht, dass es schön wäre, wenn Sie eine Weihnachtsfeier für alle organisieren würden. Alles nötige für die richtige Stimmung und drum herum liegen diesem Paket bei. Einige Überraschungen selbstverständlich auch. Es ist alles beschriftet, so dass Sie hoffentlich alles finden werden. Wenn Sie Fragen haben, dann erreichen Sie mich jederzeit.

    Ich wünsche Ihnen und all den anderen geliebten Menschen im MASH 4077 ein gesegnetes Weihnachtsfest. Mögen Sie alle bald gesund und munter nach Hause zurückkehren.

    Mildred Potter

    Radar konnte seinen Augen kaum glauben. Sein Gehirn konnte die Informationen alle gar nicht so schnell verarbeiten, so viele Fragen schwirrten in seinem Kopf.

    Er schloss kurz die Augen und öffnete diese dann wieder. Einmal ein- und ausatmen und schon ging es ihm besser. Als erstes musste dieser Brief mit der verräterischen Handschrift versteckt werden. Er kannte nur ein sicheres Versteck, welches er schon einmal benötigt hatte. Seinen Teddybären.

    Sorgsam legte der Kompanieschreiber den Teddy wieder unter seine Bettdecke und befasste sich dann mit dem Paket. Radar blickte sich hin und wieder um, denn er wollte nicht, dass ihn jemand mit den tollen Sachen von zu Hause erwischte. Er bekam mit jedem Stück, was er in die Hand nahm, größere Augen. Sie hatten wirklich an alles gedacht und es würde jedem unter die Haut gehen. Schnell verstaute er die Sachen in dem Karton, klebte ihn sorgsam zu und pulte den Adressaufkleber ab. Danach schob er das Paket unter sein Bett.

    Bald würde es eine Gelegenheit für die von zu Hause geplante Feier geben. Aber zunächst kamen wieder neue Verwundete. Radar machte eine Durchsage.
    „Hubschrauber und Krankenwagen treffen ein. Das gesamte medizinische Personal bitte zur Triage.“
    Das Paket war erst einmal vergessen als die Tür hinter dem Kompanieschreiber ins Schloss fiel.

    40 Stunden und 119 Patienten später trat die Weihnachtsfeuerpause mit Einbruch der Nacht in Kraft und somit kam auch das Feldlazarett langsam zur Ruhe. Die Ärzte und Schwestern waren hundemüde und fielen nach und nach in ihren Zelten in einen tiefen Schlaf.

    Niemand bemerkte den eifrigen kleinen Corporal, der im dunklen Messezelt herumwuselte. Er schleppte das Paket durch die Nacht, zog etwas Großes und Schweres über den Platz. Dann schepperte und klapperte es aus dem Zelt, doch irgendwann schlich sich Radar in die Schreibstube mit einem Lächeln auf den Lippen.
    „Die werden nachher Augen machen. Wahnsinn, dass es so gut geklappt hat.“

    Schon wenige Stunden später war Radar als erster wieder auf und weckte das Camp mit lauter Weihnachtsmusik.
    „Guten Morgen MASH 4077. Sämtliches Personal so wie Colonel Potter werden gebeten sich in 10 Minuten im Messezelt einzufinden. Es ist wichtig.“
    Radar pfiff vor sich hin, als er sich auf dem Weg zum Messezelt machte.

    „Wow. Was ist hier passiert?“
    „Das gibt es ja gar nicht. Ein richtiger Baum mit richtigen Kugeln. Ich fass es nicht.“
    „Beach. Kneif mich mal.“
    „Aua, nicht so doll. Aber es ist alles noch da. Es ist kein Traum.“
    BJ und Hawkeye waren beide mit Bademantel bekleidet ins Messezelt gekommen. Sie hatten sich beeilt, da Radar sagte, es sei wichtig. Aber nun konnten sie ihren Augen nicht trauen. Das Messezelt war weihnachtlich geschmückt. Neben dem Ofen stand ein mannshoher Weihnachtsbaum mit roten und goldenen Kugeln und gebastelten Sternen in den gleichen Farben. Girlanden und gefüllte Strümpfe hingen von der Decke und um den Ofen herum.
    „Radar, was ist passiert? Wieso musste ich mich von den Cowboys und den Indianern verabschieden? Potzblitz. Hier riecht es nach Weihnachten.“
    Colonel Potter war ins Messezelt getreten und nahm erst nach seinen Fragen den Duft der Weihnachtsplätzchen und der Tanne wahr. Er setzte die Brille ab und putzte diese, doch auch nach dem Putzen war noch alles wunderschön. Der Durchblick stimmte also.
    Die restlichen Mitglieder des Camps kamen in kleinen Gruppen und staunten genauso über das festliche Messezelt.

    Margaret, Charles und Klinger kamen fast zeitgleich und Klinger lief fast in die sprachlose Magaret hinein, denn sie stand genau am Eingang. Neben ihr zog sich Charles die Mütze vom Kopf und die Handschuhe aus.
    „Der kleine Dorftölpel hat es wieder einmal geschafft mich zu überraschen. Langsam kann ich verstehen, was meine Eltern an dieser Familie findet.“
    „Nun stehen Sie hier nicht dumm rum. Ich möchte das Wunder von Korea auch sehen. Aber typisch Offiziere, stehen nur im Weg.“
    Klinger wollte doch nun auch endlich in seinem festlichen Kleid dem Treiben im Messezelt beiwohnen.

    Nur noch Father Mulcahy fehlte, dieser erschien in seinem Priestergewand. Er hatte gehört, was im Messezelt vor sich ging und hatte sich schnell umgezogen. Vielleicht könnte er die Feier mit einem kleinen Gebet verbinden. Dies hatte sich auch Radar gedacht und begrüßte den Father bei einem Eintritt.
    „Father Mulcahy. ich habe nur noch auf Sie gewartet. Bevor ich alle Anwesenden aufkläre, was hier vor sich geht, würde ich Sie gerne bitten, ein Gebet für unsere Familien und uns alle zu sprechen.“
    Mulcahy machte dies nur zu gerne und trat zu seinem Gebet neben Radar, der vor Freude rote Wangen hatte.

    Nach dem Gebet räusperte sich Radar.
    „Ich möchte euch nur kurz erzählen, was hier gleich passieren wird. Einige von euch haben sich schon gewundert, warum sie nichts von ihren Lieben aus den Staaten gehört haben. Dies hatte einen einfachen Grund. Frau Potter und Peg Hunnicutt haben ein erneutes Treffen der Familien organisiert und es war absolutes Stillschweigen vereinbart worden.
    Vor wenigen Tagen habe ich dann ein Paket von Mildred Potter erhalten, in dem viele tolle Sachen enthalten waren. Die Familien haben sich zusammen gesetzt und haben uns ein Weihnachtsgeschenk gemacht.
    Alles was ihr hier seht, wurde von unserer Familie geschickt. Nur den Baum habe ich besorgt.
    Sie wünschen uns ein schönes Weihnachtsfest weit weg von zu Hause. Sie denken an uns und werden uns so vermissen wie wir sie am Weihnachtstag.
    Bevor ich aber noch lange rede, werde ich noch sagen, viel Spaß und unter dem Baum findet jeder Post von zu Hause. Briefe und kleine Geschenke.“

    Jeder freute sich über die Mitteilung und wollte gleich zum Baum. Radar blieb abseits und legte eine Weihnachtsplatte auf. Den Plattenspieler hatte er sich ausgeborgt und hoffte, dass Major Winchester es verstehen würde.
    Viele Campbewohner konnten einzelne Gegenstände, die alles weihnachtlich machten wieder erkennen.
    Mildred Potter und Mama O’Reilly hatten die Plätzchen gebacken, Peg hatte die Sterne gebastelt für den Baum. Die Weihnachtskugeln und Girlanden stammten von den Winchesters, der Glühwein und der heiße Kakao, der getrunken wurde, kam von Doktor Pierce Senior. Margarets Eltern hatten gefüllte Strümpfe für die MASH Belegschaft organisiert, sie hatten sich nach der großen Party im Mai zusammengerauft und trafen sich wieder regelmäßig. Selbst Klinger konnte den Beitrag seiner Mutter sofort erkennen. Sie hatte Köstlichkeiten aus seiner Heimat geschickt, es roch orientalischen Gewürzen und sah toll aus.
    Nur Father Mulcahy fragte sich, was wohl von seiner Schwester dabei gewesen war. Nachdem er wie die anderen auch seine Post gelesen hatte, wusste er es. Seine Schwester hatte mit ihren Ordensschwestern diese wundervolle Schallplatte aufgenommen.

    Es wurde ein schöner Vormittag und die Stimmung im Camp war weihnachtlich, davon konnte die MASH-Familie eine Weile zerren.